Le Boncie

Über viele Jahre zog Giovanna Morganti als Önologin durch die Weinberge des Chianti und beriet die dort ansässigen Winzer. Doch langsam aber sicher übernahm die Agroindustrie das Kommando in den Hügeln zwischen Florenz und Siena das Kommando und unterminierte die Vorstellungen, die Giovanna mit ihrem Beruf verknüpfte. Sie zog also eine doppelte Konsequenz: Sie hängte ihren Job als Beraterin an den Nagel und startete als Winzerin ihr eigenes kleines Weingut...

...knapp 20 Jahre später zählt Giovanna Morganti zu den besten Winzerinnen ihrer Region und der alternativen und handwerklich arbeitenden Weinszene.  

CHIANTI WIRKLICH CLASSICO

Mit dem „Le Trame“ einer vorwiegend auf Sangiovese basierenden Cuvée, in der auch noch ein Rebsortentrio aus Mammolo, Colorino und Foglia Tonda ein gewichtiges Wort mitredet, hat sie über die letzten Jahrzehnte den sich internationalisierenden Tendenzen im Chianti Classico entgegengearbeitet und dabei Applaus von allen Seiten erhalten. Anstatt die Ecken und Kanten des Sangiovese durch diverse Feinjustierungen (Einsatz von Enzymen oder Lagerung in Barriques) abzurunden und ihm mit Merlot und Cabernet Sauvignon ein bisschen mehr Fett auf die Rippen zu zaubern, setzt Giovanna auf traditionelle Vinifikationen und autochthone Begleitsorten. Dabei unterstreicht sie mit ihren Interpretationen oft die Sperrigkeit und Komplexität der Sorte. Gleichzeitig öffnet sie aber für all jene, die sich darauf einlassen wollen, ihr immenses Potenzial und die Pforten zu einer Region, die in den letzten Jahren, oft verzweifelt, nach ihrer Identität gesucht hat.   

KOPFERZIEHUNG & KULTURAUFTRAG 

Ihre vier Hektar Weingärten befinden sich im Süden des Chianti Classico, in Castelnuovo Berardenga. Geologisch bedeutet das, dass ihre Reben in sehr steinigem, vor allem von Kalk durchsetztem Terrain wurzeln. Topographisch wiederum betten sich die Weingärten in eine sanfte Hügellandschaft ein, die von Wäldern und Olivenhainen durchzogen ist. Anders als meist vermutet, ist die Gegend nordöstlich von Siena relativ junges Weinterritorium, nichtsdestotrotz aber bestens geeignet, um als Basis für große Weine zu dienen.  


Giovanna Morganti bewirtschaftet ihr Terrain biologisch und erzieht ihre Rebstöcke ausschließlich in Alberello, der klassischen Kopferziehung der Toskana – sie meint, dass sie dadurch ihren Rebstöcken ein längeres Leben beschert (und führt als Beispiele die oft hundert Jahre alten Rebstöcke am Ätna und in Sardinien an). Sie findet es außerdem schöner, sich auf diese Weise mit ihren Reben zu befassen, glaubt damit bessere Antworten auf die anstehenden Herausforderungen durch den Klimawandel zu finden und befördert zudem die historische Weinbaukultur in der Toskana. Um Kultur geht es bei Giovanna immer wieder. Am deutlichsten wird das durch ihre unaufhörliche Beschäftigung mit autochthonen Sorten, allen voran des Sangiovese.  Dessen Attribute versucht sie, seinem Terroir entsprechend, kompromisslos offenzulegen. Authentizität ist dabei ein Wort, das in ihrer Auffassung von dem, was Wein sein soll, tatsächlich Bedeutung bekommt. Ihr Sangiovese beispielsweise versteckt die ihm immanente Säure nicht; sie ist vielmehr integraler aber auch perfekt integrierter Bestandteil ihrer beiden Weine (neben dem „Le Trame“ keltert sie seit einiger Zeit den gleichfalls exzellenten „5“). Um Authentizität bemüht sie sich auch bei ihren anderen Sorten: dem Mammolo, der alle Freiheiten bekommt, um seine floralen Noten preiszugeben, beim Foglia Tonda, der eine mäßigende und ausgleichende Wirkung in die Weine bringt und beim Colorino, der dank seiner intensiven Farbe und Aromatik beiden Weinen eine zusätzliche Dimension verleiht. Giovannas ganz große Leistung ist es, diese Eigenheiten miteinander zu vereinen und Weine zu keltern, die sich zwar der offiziellen Absegnung des Chianti-Konsortiums verweigern, der Region allerdings dennoch den Spiegel vorhalten und ihr letztlich auch eine Identität geben, die man in den meisten offiziellen Versionen lange suchen kann.