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Kampanien
Kampanien bietet eine ganz eigene Weinwelt. Bereits Neapel ist ein erstes Highlight. Dort kann man neben all dem, was man sonst so in Neapel machen kann, auch mal einen Tag an der Peripherie in den Campi Flegrei einplanen und sich durch Weine aus Piedirosso und Falanghina trinken, die einem die Rückkehr in die Stadt nicht erleichtern werden. Und nachdem der Vesuv ohnehin obligatorisches Ausflugsziel für alle Neapelbesucher ist, braucht man nur den Blick etwas in die Weite schweifen lassen, um auch an seinen Hängen Weingärten und Weingüter zu entdecken.
Richtig spannend wird es allerdings, wenn man sich ein Auto mietet und nach Norden, Osten oder Süden aufbricht. Wein findet man dabei überall, die bekanntesten und mitunter besten Appellationen liegen freilich knapp eine Stunde entfernt rund um Avellino. Taurasi, Greco di Tufo und Fiano di Avellino sind drei DOCGs, deren Vergangenheit in die frühesten Stunden des italienischen Weinbaus zurückreicht und deren Zukunft weiterhin spektakuläre Weine verspricht. Grund dafür ist ein seit jeher selbstbewusster Umgang mit den eigenen Rebsorten, auf die man selbst in den Hochzeiten kurzsichtiger Internationalisierung kompromisslos setzte. Bei kürzlich durchgeführten Studien zur Bestimmung des Alters diverser Rebstöcke, stieß man auf Exemplare, die in einer Zeit gepflanzt wurden, in der Carolus Franciscus Josephus Wenceslaus Balthasar Johannes Antonius Ignatius Habsburg alias Karl VI (*1685 – †1740) noch König von Neapel war.
Das Festhalten an alten Sorten und Rebstöcken trifft übrigens nicht nur auf die Ecke um Avellino, sondern auf ganz Kampanien zu. Der in der Toskana, dem Friaul oder Veneto immer wieder präsente Merlot führt mit ganzen 300 auf den insgesamt 22.200 Hektaren ein Schattendasein; Chardonnay, Cabernet Sauvignon oder Sauvignon Blanc tauchen in der Liste der wichtigsten 20 Sorten der Region gar nicht erst auf. Mit 34,1% und insgesamt 7.600 Hektar gibt Aglianico den Ton an und jeder, der sich schon einmal mit der Sorte beschäftigt hat, weiß auf welchem Schatz die Kampanier da sitzen. Ian d’Agata, die profundeste Stimme, wenn es um italienische Rebsorten geht, meint, dass Aglianico zu den großen roten Rebsorten der Welt gehört und in einem Atemzug mit Nebbiolo und Sangiovese genannt werden sollte. Vor allem mit Nebbiolo, mit dem sie aromatische und stilistische Ähnlichkeiten teilt, wobei Aglianico zwar nicht vielschichtiger dafür aber variabler erscheint. Während einfacher Nebbiolo nicht so recht funktionieren will, kann man aus Aglianico jenseits dichtgewobener Monumente auch simple Tischweine keltern, die Spaß machen und doch Tiefe haben.
Epizentrum der Aglianico ist Taurasi, wie der Vesuv und die Campi Flegrei, altes Vulkanland, das aber immer wieder durch Kalkhügel und Flyschformationen durchbrochen wird. Sie verleihen den Weinen sensorische Diversität. Die Topographie ist meist sanft hügelig, bisweilen jedoch auch erstaunlich steil. Dort, wo es nachts entsprechend kühl wird, finden sich die vielleicht besten Interpretationen der Sorte. Direkt an Taurasi schließen die beiden Weinenklaven Tufo und Avellino und mit ihnen Greco und Fiano an, zwei weiße Sorten, die sich aus dem Schatten der großen roten Sorte verabschiedet haben und seit einiger Zeit ebenfalls im Rampenlicht italienischer und bisweilen auch internationaler Weintrinker stehen.
Das kann man von den übrigen Weinen Kampaniens kaum sagen. Die Weine rund um Amalfi kennen zumindest diejenigen, die dort Urlaub gemacht haben, während Sannio oder Aversano weiterhin vitikulturelle Terra Incognita sind. Zu entdecken gäbe es allerdings mehr als genug. Allen voran wiederum ein Rebsortenensemble, das mit der Falanghina (vor allem in Sannio), der originell benannten Coda di Volpe (Fuchsschwanz) und der Asprinio (kein idealer Name) drei weitere weiße Trümpfe aus dem ampelographischen Talon hervorzaubert, die man beizeiten kosten sollte. Ergänzt wird das Trio von den roten Piedirosso, Sciascinoso, Tintore, Aglianicone, Barbera del Sannio und noch einer ganzen Menge anderer Sorten, die leider nur selten ihre lokalen Welten verlassen.
Eine weitere Region, die es in vielerlei Hinsicht zu entdecken gilt, ist das Cilento. Hier lässt es sich bestens wandern und im Meer schnorcheln und wer sich nach Pompej noch mit kleineren aber gleichfalls beeindruckenden römischen Ausgrabungen zufriedengibt, kann durch die alten Tempelanlagen von Paestum schlendern. Kulinarisch befindet man sich im Epizentrum der (richtig guten) Mozzarellaproduktion. Außerdem findet man rare Bohnensorten, eine brillante Pastaspielart namens Lagane, eingesalzene Sardellen und natürlich Trauben. Die werden zwar größtenteils an die Genossenschaften der Gegend geliefert, gelegentlich finden sich aber auch selbstproduzierende Winzer, von denen einige ganz fantastische Weine in die Flasche bringen. Protagonisten sind abermals Aglianico und Fiano, die im Cilento ein wenig wärmer, mediterraner und samtiger ausfallen als im Landesinneren.
Wem die vinophilen Exkursionen durch das kampanischen Festland nicht genug sind, kann von Neapel aus noch nach Ischia oder Capri übersetzen und dort mit Meerblick weitermachen. Während man sich für den Capri Bianco der Falanghina und des Greco Bianco bedient, hat Ischia mit der Biancolella sogar eine eigene Rebsorte zu bieten.